Verdi: Messa da Requiem
Kirchenmusik – nichts scheint selbstverständlicher im Land des Papstes. Dennoch spielte Kirchenmusik im Schaffen der bedeutenden italienischen Komponisten des 19. Jahrhunderts keine herausgehobene Rolle. Denn liturgische Musik war so allgegenwärtig, dass ihr kein besonderes Prestige zukam; sie blieb Domäne der Komponisten zweiten Ranges. Das sollte sich erst mit Verdi und der Ausbildung eines neuen italienischen Nationalbewusstseins ändern. Als Gioachino Rossini am 13. November 1868 in einem Vorort von Paris starb, startete Giuseppe Verdi eine Initiative von nationalem, ja nationalistischem Anspruch: Der erste Todestag des Altmeisters sollte mit einer Totenmesse gefeiert werden; zwölf weitere und zwar ausschließlich italienische Komponisten hatten wie Verdi einen Teil zu diesem Requiem beigesteuert. Allerdings gelangte das ambitionierte Projekt nicht zur Aufführung: Der Operndirektor von Bologna wollte sein Ensemble nicht kostenlos zur Verfügung stellen und der dortigen Stadtverwaltung war eine von Mailand ausgehende Initiative ohnehin suspekt. Als am 22. Mai 1873 ein anderer italienischer Künstler von Weltgeltung starb, besann sich Verdi auf seinen Beitrag von 1869: Alessandro Manzoni war nicht nur Verdis Lieblingsschriftsteller; mit seinem Roman I promessi sposi (Die Brautleute), bis heute Pflichtlektüre in jedem italienischen Gymnasium, hatte er den entscheidenden Impuls gegeben für die Fixierung einer einheitlichen Schriftsprache. Wieder wollte Verdi den ersten Todestag eines Künstlers von nationaler Bedeutung zelebrieren, diesmal aber in alleiniger Verantwortung. Er komponierte zu seinem »Libera me« von 1869 alle weiteren Teile des Requiems und ließ die Aufführung in Manzonis Heimatstadt Mailand organisieren. Dabei blieben im Sinne einer »Kunstreligion« die Grenzen zwischen Musiktheater und Liturgie, zwischen Konzertsaal und Kirche unscharf: In der mittelalterlichen Kirche San Marco sang und spielte am 22. Mai 1874 das Ensemble des wenige hundert Meter entfernten Teatro alla Scala, wo drei weitere Aufführungen folgten. Dem zahlenden Publikum wurde – wie bei einer Opernvorstellung – ein Libretto verkauft, obwohl dort nur der Text abgedruckt war, den jeder aus der Kirche kannte. Vor den mehr als hundert Musikern war ein Priester plaziert, der mit stillen Gesten die Liturgie der Totenmesse zu lesen schien. Der deutsche Pianist und Dirigent Hans von Bülow hatte also nicht ganz Unrecht, wenn er in einem gehässigen Pressebericht die Komposition als Verdis »neueste Oper im Kirchengewande« abtat. Dabei bezog er sich wohl vor allem auf die effektsichere Ausmalung der Schrecken des Jüngsten Gerichts im »Dies irae«. Er konnte nicht wissen, dass ein anderer Teil der Komposition, das »Lacrymosa« tatsächlich auf eine Opernszene zurückging. Die melancholische Melodie im Schlussteil der Sequenz ist Verdis Don Carlos entnommen; Verdi hatte König Philipps Klage am Leichnam des ermordeten Marquis Posa (»Qui me rendra ce mort?« – »Wer gibt mir diesen Toten zurück?«) während der Proben im Frühjahr 1867 gestrichen und wollte offenbar die gelungene Formulierung nicht ungenutzt in der Schublade verstauben lassen.
